 Leinen los Im Vorfeld der Documenta schlägt Jens Carstensen eine Brücke zwischen Bremerhaven und Kassel. Bei einer Ausstellung im Mekka der Avantgarde-Kunst kombiniert er Bilder einer Flussfahrt mit Satelliten-Anweisungen und traditionellen Navigationshilfen. Carstensen beschäftigt sich bei der Gemeinschafts-Ausstellung „Poetische Positionen II“ mit dem räumlichen und persönlichen „Verorten“, einem zentralen Thema seiner künstlerischen Arbeit. „Im Mittelpunkt der Aktion steht eine Schiffsreise“, sagt er: An der Geeste will er ein Schiff besteigen, um damit über Weser und Fulda zum Ausstellungsort zu fahren. Den selben Weg hat er bereits mit dem Auto absolviert und dabei die Anweisungen eines satellitengestützten Navigationssystems (GPS) aufgenommen. „Die GPS-Wegweisungen sollen mit den Videoaufnahmen der Bootsfahrt kombiniert und als Endlosschleife gezeigt werden“, erzählt der Künstler. Weiterer Bestandteil der Installation ist ein so genannter Sextant, eine traditionelle Navigationshilfe. Er wird als Objekt im Raum inszeniert und mit einem Laserstrahl anvisiert werden (Rainer Donsbach).
Poetische Positionen II 1. September - 8. Oktober 2006 Eröffnung: 31. August 2006, 19 Uhr Kurator: Jürgen O. Olbrich
„Poetische Positionen II“ ist die Fortsetzung einer Ausstellungsreihe des Kasseler Kunstvereins, die 2004 damit begonnen hat, Künstler vorzustellen, die auf unterschiedliche Art und Weise in den Bereichen Bildende Kunst und Sprache arbeiten. Nachdem in der Ausstellung „Poetische Positionen I“ Arbeiten gezeigt wurden, die die Sprache als elementare Darstellungsform der Kunst nutzen, wird das Schwerpunktthema von „Poetische Positionen II" Text, Klang und Sound sein. Initiiert hat diese Reihe Jürgen O. Olbrich, selbst Künstler, der seit vielen Jahren mit Text und Sprache arbeitet.
Der Kasseler Kunstverein zeigt in der Ausstellung sieben sehr verschiedene künstlerische Positionen. Den Künstlern geht es nicht darum, die Grenzen der Bereiche Bildende Kunst, Literatur und Musik aufzuheben, sondern im Gegenteil, Überschneidungen und synergetische Effekte herzustellen.  Das Spektrum von „Poetische Positionen II" ist breit gefächert: Künstler mit unterschiedlichstem Background (Performance, Fotografie, Komposition, Klang-Aktion) aus unterschiedlichen Generationen mit unterschiedlichen Herangehensweisen und Positionen treffen hier aufeinander.  Das reicht von der bildlichen und sprachlichen Dokumentation einer Schiffsreise von Bremerhaven nach Kassel des Komponisten und Klang-Aktionisten Jens Carstensen, über Collagen aus Ton- und Textspuren des in Paris lebenden Sprachpoeten Bernard Heidsieck bis hin zu Schallplatten-Installationen des kanadischen Künstlers W. Mark Sutherland. Für diese Ausstellung konnte auch die New Yorker Künstlerin Yoko Ono gewonnen werden, deren poetische Arbeiten nicht nur auf den Wänden und Decken im Kasseler Kunstverein gezeigt werden, sondern die auch im gesamten Stadtgebiet Kassels, für jedermann les- und sichtbar, eine neue Arbeit realisieren wird. "WOWERWASWOHIN" Wo bin ich? Wer bin ich? Was habe ich hier zu suchen? Wohin geht die Reise? Die Positionsbestimmung, das räumliche und persönliche „Verorten“ ist ein zentrales Thema der künstlerischen Arbeit von Jens Carstensen.
Für die Ausstellung „Poetische Positionen II“ im Kunstverein Kassel dokumentiert der Komponist, Musiker und Aktionskünstler Bilder einer Flussfahrt von Bremerhaven nach Kassel mit Satellitenanweisungen und traditionellen Navigationshilfen.  Die Wegweisungen eines satellitengestützten Navigationssystems (GPS) sind Orientierungshilfen für dieselbe Reise auf dem Landweg. Bilder und Direktiven aus dem All laufen nahezu in Echtzeit in einer Endlosschleife.  Weiterer Bestandteil der Installation ist ein Sextant, ein seit dem 18. Jahrhundert gebräuchliches optisches Messinstrument, das hauptsächlich zur Höhenmessung von Gestirnen zur astronomischen Navigation auf See dient. Er wird als Objekt im Raum inszeniert und mit einem richtungsweisenden Laserstrahl anvisiert. Video, Klang und Laser sind das Bezugssystem, dass ein Spiel mit künstlerischen und persönlichen Positionen ermöglicht.  Die Überwindung von Wasser gehört zu den Grundkonstellationen menschlicher Entwicklungsgeschichte. Das Meer bietet keinerlei Orientierungshilfe. Erst die Selbstvergewisserung, die Möglichkeit, den eigenen Standort zu bestimmen, hat es möglich gemacht, zu neuen Ufern und bis dahin fremden Welten vorzustoßen. Früher haben wir die Planeten benutzt, um uns auf der Welt zurecht zu finden. Heute gibt es Ersatzgestirne, deren punktgenaue Ansagen für den Autofahrer („Nach hundert Metern rechts abbiegen“) in Verbindung mit den Bildern der Flussfahrt ad absurdum geführt werden.  Wasser ist Spiegelbild, auch der Seele. Wasser ist Klang, ein bewegtes Rauschen, das ebenso zart wie gewalttätig klingen kann. Als Klangerlebnis ist die Installation deswegen ebenso lesbar, wie als Aufforderung zur eigenen Positionsbestimmung. Wer sein persönliches GPS aktivieren möchte, liegt damit sicherlich nicht falsch. Botschaften werden nicht allein wegen ihrer selbst, sondern wegen ihrer ästhetischen Qualität vermittelt. Auch Poesie entsteht, wie wir wissen, nicht allein durch ihre Quelle, sondern durch die Empfänglichkeit des Wahrnehmenden.  Das Wechselspiel zwischen Raum und Klang hat Jens Carstensen bereits in früheren Arbeiten beschäftigt. Bei seinen Musiken für Langsaite wurde ein leer stehendes Schwimmbad aus den 50er Jahren als Klangraum musikalisiert.
In der Wellenkammer des Container-Terminals Bremerhaven erzeugte er Spannung zwischen bearbeiteten, spiegelbildlichen Sounds und den aktuellen Klängen von Hafen und Fluss.
Bei dem Projekt „XChange“ wurden Fotos, Videos und Klangmaterial aus wissenschaftlichen Dokumentationen der Polarforschung von einer neunköpfigen Künstlergruppe unter dem Blickwinkel ihrer eigenen Wahrnehmungs- und Verarbeitungsstrategien selektiert und zu einer live präsentierten Konzert-Performance montiert.
Die Klänge von mehr als hundert Schiffshörnern nahm Carstensen als Basismaterial für ein Typhonkonzert, das bei dem Windjammertreffen „Sail 2005“ von einem 12 Meter hohen Klangturm zu einer den Stadtraum ergreifenden Klangkomposition ausgesendet wurde. Rainer Donsbach:
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