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Hänsel und Gretel im Elektro-Wald Drucken
Geschrieben von Jens Carstensen   
Sunday, 10. June 2007

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Bremerhaven. Ein Mädchen, vielleicht fünf Jahre alt, und ihr um einen
Kopf kleinerer Bruder, Hand in Hand laufen sie mit großen Augen durch
einen Wirrwarr von Technik. Flackernde Glühlampen, hektisch vibrierende
Bilder auf Laptops, geheimnisvolle Klänge aus verborgenen Lautsprechern.
Hänsel und Gretel im elektronischen Wald. Nur die Hexe spielt nicht mit.
Und verlaufen haben sich die Kinder auch nicht.

Beim „Hauskonzert“ in Grünhöfe tritt Avantgarde-Kunst Seite an Seite mit
Spielmannszug und Shantychor an Was so weit von ihrer Lebenswirklichkeit entfernt scheint, ist in
Wirklichkeit mittendrin: Ein leer stehender Wohnblock in der
Boschstraße, der zum Auftakt der 50-Jahr-Feier des Stadtteils Grünhöfe
für eine Nacht zu einem Gesamtkunstwerk wird. In jeder der Wohnungen ist
was los. Schauspiel, Rap und Graffiti, Gesang, sogar Minigolf kann auf
einer Etage gespielt werden. Seite an Seite mit Spielmannszug und
Shantychor ist die Kunst-Avantgarde am Start. Darunter Michael Vorfeld
aus Berlin, Documenta-Teilnehmer und international gefragter
Installations- und Performance-Künstler.

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Seine Licht- und Klanginstallation in einer dem baldigen Abbruch preisgegebenen Wohnung
ist nur scheinbar von Hektik und Willkür bestimmt. Wer darin eintaucht
erkennt nicht nur die Gesetzmäßigkeiten zwischen pluckernden Tönen und
dem Flackern der Lampen, sondern auch die geradezu meditativen
Qualitäten der Installation. Wird es lauter im Raum, erhöht sich die
Intensität des Lichts. Hänsel und Gretel haben den Bogen bald raus und
klatschen fröhlich in die Hände.

Was sie nicht sehen: Über der Installation hängt eine Kamera, deren Bilder direkt auf die Fassade des Hauses projiziert werden und durch die Fenster wieder in den Raum
zurückfallen: Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt.
Verantwortlich für die Bilder sind Hannes Hölzl und Georg Schütz, die
zuletzt mit den „Ocean’s Eleven der internationalen Video- und
Klangkunst“ in Bremerhaven zu Gast waren.

Der „Hauskonzert“-Organisator
und Künstler Jens Carstensen hat sie wie Michael Vorfeld mit
Sponsorenhilfe für das Spektakel gewonnen. Hölzl und Schütz bringen
Kinder und Erwachsene mit Kopfkameras auf den Weg. Die von ihnen
eingefangenen Bilder sind mit einem kleinen Verzögerungstakt auf einer
Batterie von Laptops zu sehen, die die Aufnahmen mit Livebildern aus
dieser High-Tech-Voodoolounge kombinieren. An der Vernetzung ist auch
der „eigentlich Schauspieler“ Martin Kemner beteiligt, der Hunderte von
Schülern der Immanuel-Kant-Schule geschossene Fotos aus dem Stadtteil im
Stakkato über die Häuserwand jagt.

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„Was mich künstlerisch an dem Projekt interessierte war das Verkehren
von Privatheit und öffentlichem Raum, die gegenseitige Durchdringung“,
sagt Initiator Carstensen. Auf welch hohem Niveau dabei gearbeitet
wurde, haben auch die gespürt, die mit künstlerischen Diskursen sonst
herzlich wenig am Hut haben. Die Grünhöfer jedenfalls werden noch lange
darüber reden. Und Hänsel und Gretel auch. (Rainer Donsbach)

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