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Bremerhaven. Ein Mädchen, vielleicht fünf Jahre alt, und ihr um einen Kopf kleinerer Bruder, Hand in Hand laufen sie mit großen Augen durch einen Wirrwarr von Technik. Flackernde Glühlampen, hektisch vibrierende Bilder auf Laptops, geheimnisvolle Klänge aus verborgenen Lautsprechern. Hänsel und Gretel im elektronischen Wald. Nur die Hexe spielt nicht mit. Und verlaufen haben sich die Kinder auch nicht.
Beim „Hauskonzert“ in Grünhöfe tritt Avantgarde-Kunst Seite an Seite mit Spielmannszug und Shantychor an Was so weit von ihrer Lebenswirklichkeit entfernt scheint, ist in Wirklichkeit mittendrin: Ein leer stehender Wohnblock in der Boschstraße, der zum Auftakt der 50-Jahr-Feier des Stadtteils Grünhöfe für eine Nacht zu einem Gesamtkunstwerk wird. In jeder der Wohnungen ist was los. Schauspiel, Rap und Graffiti, Gesang, sogar Minigolf kann auf einer Etage gespielt werden. Seite an Seite mit Spielmannszug und Shantychor ist die Kunst-Avantgarde am Start. Darunter Michael Vorfeld aus Berlin, Documenta-Teilnehmer und international gefragter Installations- und Performance-Künstler.

Seine Licht- und Klanginstallation in einer dem baldigen Abbruch preisgegebenen Wohnung ist nur scheinbar von Hektik und Willkür bestimmt. Wer darin eintaucht erkennt nicht nur die Gesetzmäßigkeiten zwischen pluckernden Tönen und dem Flackern der Lampen, sondern auch die geradezu meditativen Qualitäten der Installation. Wird es lauter im Raum, erhöht sich die Intensität des Lichts. Hänsel und Gretel haben den Bogen bald raus und klatschen fröhlich in die Hände. Was sie nicht sehen: Über der Installation hängt eine Kamera, deren Bilder direkt auf die Fassade des Hauses projiziert werden und durch die Fenster wieder in den Raum zurückfallen: Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt. Verantwortlich für die Bilder sind Hannes Hölzl und Georg Schütz, die zuletzt mit den „Ocean’s Eleven der internationalen Video- und Klangkunst“ in Bremerhaven zu Gast waren. Der „Hauskonzert“-Organisator und Künstler Jens Carstensen hat sie wie Michael Vorfeld mit Sponsorenhilfe für das Spektakel gewonnen. Hölzl und Schütz bringen Kinder und Erwachsene mit Kopfkameras auf den Weg. Die von ihnen eingefangenen Bilder sind mit einem kleinen Verzögerungstakt auf einer Batterie von Laptops zu sehen, die die Aufnahmen mit Livebildern aus dieser High-Tech-Voodoolounge kombinieren. An der Vernetzung ist auch der „eigentlich Schauspieler“ Martin Kemner beteiligt, der Hunderte von Schülern der Immanuel-Kant-Schule geschossene Fotos aus dem Stadtteil im Stakkato über die Häuserwand jagt. 
„Was mich künstlerisch an dem Projekt interessierte war das Verkehren von Privatheit und öffentlichem Raum, die gegenseitige Durchdringung“, sagt Initiator Carstensen. Auf welch hohem Niveau dabei gearbeitet wurde, haben auch die gespürt, die mit künstlerischen Diskursen sonst herzlich wenig am Hut haben. Die Grünhöfer jedenfalls werden noch lange darüber reden. Und Hänsel und Gretel auch. (Rainer Donsbach)
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